Vorbesuch in Ruanda oder das Problem mit der Augenhöhe

von Clara Löw

„Für eine Woche zur Vorbereitung eines Zwei-Wochen-Austauschs nach Ruanda fliegen? Das was man in dieser Zeit besprechen kann, geht auch per Skype. Dass man das Land kennen gelernt hätte, kann man nach 7 Tagen eh nicht behaupten. Für eine Woche 2x 10h fliegen belastet mein Umwelt-Herz. Wir schaffen das auch so!“

„Wenn wir wirklich das Programm unserer Internationalen Jugendbegegnung (IJB) mit Xavéri (unserer Partnergruppe) auf Augenhöhe gestalten wollen, müssen wir hinfliegen und uns face-to-face unterhalten.“

„Na gut, wir fliegen!“ Jomin, Matthias und Clara waren für die KjG Mainz in der Karwoche zu Gast bei Xavéri, der ruandischen Partnergruppe.

März 2018, Frankfurter Flughafen. Matthias hatte den Ruanda Reiseführer eingepackt, Clara wenigstens alle bisher relevanten Dokumente (leider alle auf Deutsch) ausgedruckt und Jomin die Erfahrung aus zwei außerhalb der KjG organisierten Jugendbegegnungen im Gepäck. Vorbereitet fühlten wir uns damit nicht. Die Umsteigezeit am Brüsseler Flughafen wurde genutzt, um Erwartungen für die anstehende Woche zu sammeln und einen kleinen Strategieplan zu erstellen, was wann mit wem vor Ort zu besprechen sei, damit wir nichts vergessen. Und dann kam doch alles anders. Oberstes Ziel: Mit dem Gefühl nach Hause fliegen, dass beide Organisationen die IJB als ein gemeinsames Projekt sehen, in das sich jede Gruppe mit ihren Vorstellungen einbringen kann. Eine Zusammenarbeit auf Augenhöhe also.

Vor Ort in Ruanda

Tag eins: Gottesdienst und Stadterkundung. Tag zwei: Treffen mit dem National Committee. Richtig gehört, die Bundesleitung von Xavéri. Am Abend vorher fanden wir es dann doch schlau, etwas schriftlich vorzubereiten, um uns selbst eine Grundlage zu geben, an den der wir uns am nächsten Tag entlang hangeln könnten. Nach der Vorstellungsrunde, dem gegenseitigen Vorstellen der Verbände und unserem kleinen Vortrag über die bereits feststehenden Rahmenbedingungen der Internationalen Jugendbegegnung kam sehr schnell die Frage unserer Partnergruppe, ob wir denn die Vorlage für ein Agreement dabei hätten, einen Partnerschaftsvertrag. Ähm, … Hatten wir nicht. Zur Vorlage beim Bistum, bei den nationalen Behörden usw., erklärten sie uns. Und ich dachte, wir Deutschen seien so wahnsinnig bürokratisch. Der Partnerschaftsvertrag wurde spontan auf dem mitgebrachten Laptop erstellt.

In den beiden darauffolgenden Tagen, wo wir uns jeweils für ein paar Stunden trafen, ging es um das Programm während der Hinbegegnung in Ruanda, um Finanzen und Visa. Die beiden Student*innen Cynthia und Alain wurden uns als leader der Jugendbegegnung auf ruandischer Seite vorgestellt. Was heißt eigentlich Projektleitung auf Englisch? Leader? (klingt irgendwie nach Führer) Haben beide Gruppen das gleiche Verständnis dieser Rolle? Gibt es in der Jugendarbeit von Xavéri sowas wie Teamer*innen und gleichaltrige Gruppenleiter*innen? Bisher hatten wir nur dir Mitglieder des National Committee, alle zwischen 30 und 40 Jahren alt, kennen gelernt. Wir äußerten den Wunsch, dass das Programm der Begegnung innerhalb der Projektleitung besprochen werden würde. In der Abschluss- und Reflexionsrunde vor unserer Abreise aus Ruanda fiel das erlösende Wort: „Peer education – klar gibt’s das bei Xavéri!“ Also doch gleichaltrige Teamer*innen?! Clara und Lea von der KjG und Cynthia und Alain von Xavéri werden als gemeinsame Projektleitung der ersten gemeinsamen IJB hoffentlich einen Weg finden, wie das mit der Augenhöhe möglich werden kann.

 

Kritische Fragen

Auf dem Wochenplan, den wir von Sister Marie Thérèse (der secretaire permanente von Xavéri, sozusagen der Referentin) kurz vor dem Abflug aus Deutschland geschickt bekommen hatten, standen neben den Arbeitstreffen noch „Besuch einer Xavéri-Unigruppe“, „Besuch einer Xavéri-SchulAG“, Genozid-Museum und community work. Also doch ein bisschen Land und Leute kennen lernen! In der Uni saßen mehr als 50 Studis vor uns, viele neugierig und interessiert, als sie feststellten, Teil der ruandischen Reisegruppe werden zu können. Wie die Teilnehmenden von Xavéri ausgewählt werden, wissen wir nicht genau. Nur darauf, dass sie Englisch sprechen können müssen und zwischen 18 und 30 Jahre alt sein werden, darauf haben wir uns geeinigt. Aus der Fragerunde in der Uni: „Warum gerade Ruanda?“, „Mit welchem Ziel wollt ihr die Begegnung durchführen?“, „Warum sollten wir mitmachen?“ und „Was ist der Unterschied der KjG gegenüber anderen katholischen Jugendorganisationen?“ … mit solchen Fragen sahen wir uns plötzlich konfrontiert, gar nicht so einfach, alles zufriedenstellend zu beantworten. Unsere Diözesankonferenz hatte das Projekt ohne groß hinterfragen einfach „durchgewunken“…

“Reiches” Europa – “armes” Afrika?

Der Wunsch ist groß, ein gemeinsames Projekt auf die Beine zu stellen und nicht als „reiche Europäer*innen“ mit dem Geld „von unserem Ministerium“ „ins arme Afrika“ zu kommen und unreflektierte Bedingungen an eine vermeintlich gemeinsame Sache zu stellen. Während wir bei unserer Austauschgruppe auf das Bild von deutschen jungen Erwachsenen vielleicht einen Einfluss haben werden, ist es wohl nicht zu ändern (und auch gut so, denn nur so kann sie stattfinden), dass unsere Begegnung mit Mitteln des deutschen Staates finanziert wird. Ob wir das mit der Augenhöhe schaffen?

Bei aller Arbeit, die die Vorbereitung gemacht hat und macht und bei all den Hürden, die es schon gab und noch geben wird, hoffen wir, die Teilnehmenden mit der Begeisterung aus dem ruandisch-deutschen Leitungsteam anstecken zu können.

To be continued…